Ernst Ludwig Kirchner: "Sitzende Bäuerin mit Kind", 1925

Ernst Ludwig Kirchner

"Sitzende Bäuerin mit Kind", 1925

Aquarell über schwarzer Fettkreide, 50 x 34,9 cm
(gerahmt 56 x 76 cm)

N 9232
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rückseitig Nachlassstempel mit Nummerierung „A Da/Bd 19”
  
- mit Modellrahmen -
  
Nach der Übersiedlung von Berlin nach Davos im Jahr 1918 erfuhr das Schaffen von Ernst Ludwig Kirchner im Verlauf der 20er Jahre eine motivische und stilistische Veränderung. Nicht länger das moderne Großstadttreiben, sondern die intensive Auseinandersetzung mit der landschaftlichen Umgebung der Berge und dem vergleichsweise archaischen Leben und Arbeiten der einheimischen Bevölkerung standen im Fokus des künstlerischen Interesses. In seinem Dasein als schöpferisch tätiger Mensch in und mit der urwüchsigen Natur fühlte sich Kirchner mit den Bauersleuten eng verbunden. Häufig veranstaltete er in seinem Haus in den Lärchen und ab 1923 auf dem Wild-boden bei Frauenkirch Tanzabende, zu denen er die Bauern aus der Nachbar-schaft einlud. In ihrer Gesellschaft fühlte er sich wohl, sie nahm er vielfach als Modelle für seine Bilder. Fasziniert zeigte er sich von deren einfachem, naturverbundenem Leben. „Seite an Seite mit den Bergbauern lebend und arbeitend, lernte ich das Leben in seinem logischen Ablauf zwischen Geburt und Tod übersehen. Ich sah die stete Erneuerung im Zusammenwirken von Natur, Mensch und Tier in dem einfachen, klaren Leben der Bergbauern”, notierte Kirchner 1930 in seinen „Bemerkungen über Leben und Arbeit”. Das vorliegende, mit leuchtenden Aquarellfarben über Fettkreidezeichnung ausgeführte Blatt zeigt uns eine ältere Bauersfrau in blauer Schürze mit einem rothaarigen Kind an ihrer Seite. Beide sitzen still und ruhig, wirken gleichsam in sich gekehrt. Die Personen erscheinen formatfüllend, der Umraum mit einem angeschnittenen Fenster im Hintergrund bleibt angedeutet. Charakteristisch für die Beruhigung von Kirchners Bildsprache Mitte der 20er Jahre offenbart das Blatt gegenüber der vehementen Erregtheit und Radikalität der „Brücke”-Zeit eine insgesamt ausgeglichenere Haltung. Gleichwohl künden der offene, skizzenhaft bewegte Pinselgestus von der unmittelbaren Anschauung des Motivs und der starken inneren Beziehung des Künstlers zu seinem Gegenüber. Durch den fetthaltigen Untergrund gewinnen die locker darüber gelegten Pinselstriche eine luzide Transparenz, das Kolorit wirkt im Zusammenspiel mit den vielen offenen Partien des Blattweiß wie gläsern durchlichtet. Trotz aller Ruhe des Motivs spricht eine expressive Lebendigkeit aus der Darstellung. Mit der etwas derben, flächigen Vereinfachung der Formen und bewusst einfach aufgebauten Kompositionen suchte Kirchner in seinen Bildern der Davoser Jahre eine formalästhetische Entsprechung zum harten und entbehrungsreichen Alltag der Bergbauern. In der einfühlsam beobachteten Zusammenschau der beiden Figuren klingt zudem symbolträchtig die Dar-stellung der Lebensalter an, die in den Kreislauf der Natur eingebunden sind. Insbesondere die Haltung der Bäuerin vermittelt sowohl die Beschwernisse der Arbeit wie auch den Stolz und die Würde des Menschen in den Bergen.
(Andreas Gabelmann)
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