Werk: Otto Ritschl: "Komposition", 1972
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signiert, datiert
WVZ 72/34
Die Formen in den
Bildern Otto Ritschls nach 1970 gewinnen eine neue Festigkeit. Der Generalbass
des Schwebens ist zwar nicht aufgehoben, der Dialog der Formen wird allerdings
wieder präsenter. Auf eine von oben schwebende weiße Form mit dunklerem, roten
Kern antwortet im unteren Bereich mit einer ausladenden Geste einer andere
Wesenheit, die nach links und nach oben zeigt und dadurch das obere Gebilde in
Balance hält. Eine kartografische Situation begegnet uns in dieser Formenwelt.
Die Beziehungen sind eindeutig, die Verbindungslinien (ausgehend vom Schatten
der weißen Form) ebenfalls. Jedoch folgt dieser Eindeutigkeit kein
Wiedererkennen auf der realen Weltkarte. Ritschls Formenatlas ist virtueller
Art, d.h. geistiger Natur, ohne Entsprechung im Irdischen. Das macht die Stärke
dieser gegenständlichen und zugleich abstrakten Bilder aus. Sie schaffen einen
neuen Bildraum mit bekannten und unbekannten Bezugnahmen. Die Farbformen
erzeugen immer wieder einen Bildrhythmus; die Bewegung in der Ruhe und die Ruhe
in der Bewegung werden in diesen Bildern offensichtlich.
Otto Ritschl war mehr
als ein Maler. Er war ein Philosoph, der die Welt seines Geistes in eine neue
Bildform bringen konnte. Für Ritschl ist Kunst ”ein Mittel auf dem langen Weg
zur Vollkommenheit...ein Mittel zur Befreiung.” Nur durch das Bild war es
Ritschl möglich, den Willen zur Vollkommenheit und die Sehnsucht nach
Vergeistigung zu leben. Eine entsprechende Würdigung erfuhr das Spätwerk Otto
Ritschls unter anderem durch Eduard Beaucamp, dem langjährigen Kunstkritiker
der FAZ: ”Man hat es hier mit einer der letzten authentischen Formulierungen
der autonomen Malerei dieses Jahrhunderts zu tun.”
(Andrea Fink-Belgin)