Werk: Otto Ritschl: "Figur", 1947
Preis: 22.000,00 EUR
Otto Ritschl (1885-1976) gilt als bedeutender Vertreter der geometrischen
Abstraktion in der deutschen Kunst nach 1945. Seine Laufbahn begann der in Erfurt geborene und ab 1907 in Wiesbaden tätige Künstler zunächst als Schriftsteller, bevor er sich 1918 der Malerei zuwandte. Nach expressionistischen und neusachlichen Schaffensphasen wurde ab Mitte der 20er
Jahre die Kunst der französischen Moderne prägend, Ritschl besuchte unter
anderem Picasso und beschäftigte sich intensiv mit den Strömungen des Kubismus
und Surrealismus. Im Verlauf der 40er Jahre erschloss er sich die ungegenständliche Malerei, die fortan sein Werk bestimmte. ”Das
abstrakte Bild ist die einzige wirklich originale Leistung abendländischer Kultur”, erklärte Otto Ritschl 1948 und bekannte sich damit nachdrücklich zum fortschrittlichen Ausdruckswert gegenstandsfreier Bildsprache. Im vorliegenden Gemälde mit dem Titel ”Figur” von 1947 hält er freilich noch Bezüge zur sichtbaren Wirklichkeit aufrecht und agiert in dem für die Nachkriegskunst zeittypischen Spannungsfeld zwischen Figuration und Abstraktion. In einer
Interieurkulisse erblickt der Betrachter eine sitzende weibliche Gestalt in einem bodenlangen Kleid vor einer Staffelei, auf der ein stark abstrahiertes Bildnis sichtbar wird. Klar umrissene und geometrisch vereinfachte Farbzonen bestimmen die strenge, auf konstruktive Bildordnung abzielende Formgebung. Diagonale und spitzwinklige Flächen werden begleitet von
gerundeten Partien, leuchtende Farbenergien sorgen für eine dekorative und lebhafte Gesamtwirkung. Otto Ritschl nimmt das traditionsreiche Thema Modell im Atelier zum Anlass einer kühnen, spannungsreichen Verschränkung von Figur und Fläche. Ein kraftvoller Dialog zwischen Fläche und Linie sowie Farbe und Raum, verknüpft mit der Interaktion von Ruhe und Bewegung, Statik und Dynamik, kennzeichnen den besonderen Ausdruckswert der Komposition, zu der sich Ritschl auch durch die Beschäftigung mit musikalischen Strukturen anregen ließ. Im Unterschied zu den nachfolgenden, freier komponierten Werken der späten 40er und frühen 50er Jahre bleibt in diesem Bild die Linie noch auf ihre
konturbildende Funktion verpflichtet. Überlagerungen und Verdichtungen der
Flächen und Farben suggerieren eine räumliche Illusion, die in den späteren
Arbeiten gänzlich aufgegeben ist. Ritschls harmonisch ausbalancierte, figurative Farbfeldmalerei beschwört eine neue, eigenständige Bildwirklichkeit
jenseits des vertraut Gegenständlichen.
(Andreas Gabelmann)