Werk: Ernst Ludwig Kirchner: "Zwei Akte vor Aktgemälde", 1928
Preis: 54.000,00 EUR
rückseitig Nachlassstempel
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema des weiblichen Aktes bestimmte
Kirchners Leben und Schaffen von Beginn an und fand in den Arbeiten der 20er
und 30er Jahre eine konsequente und folgerichtige Fortsetzung. In zahlreichen
Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen widmete sich der Künstler
dem Motiv der Aktfigur sowohl im Kontext von Interieurs als auch in der freien
Natur der Schweizer Berglandschaft. ”Kirchner
zeichnet, wie andere Menschen schreiben”, erklärte der Künstler 1920 in seiner
unter dem Pseudonym Louis de Marsalle selbst verfassten Abhandlung über seine
Zeichenkunst. Jene Unmittelbarkeit, mit der Kirchner stets auf das flüchtige
Augenblickserlebnis seiner Umgebung reagierte, offenbart sich exemplarisch in
der vorliegenden Kohlezeichnung von 1928. Mit offenem, skizzenhaftem
Strichgestus erscheinen zwei weibliche Akte in tänzerischer Bewegung in einem
nur vage angedeuteten Innenraum, in dessen Hintergrund schemenhaft die Umrisse
eines großformatigen Gemäldes sichtbar werden. Ort des Geschehens ist sehr
wahrscheinlich Kirchners Atelier in seinem Haus ”Auf dem Wildboden” in
Frauenkirch bei Davos. Es entwickelt sich ein spannungsreiches Wechselspiel
zwischen den real beobachteten Frauen und der Aktdarstellung auf dem Bild.
Gemäß der Idealvorstellung Kirchners verschmelzen Leben und Kunst zu einer
harmonischen Einheit. In geradezu ornamentalem Schwung umschreiben frei
fließende Lineaturen die ausdrucksstarken Körperbewegungen der beiden Frauen.
Das Sujet des Tanzes als sinnlich-vitale Lebensäußerung faszinierte Kirchners
seit den Anfangstagen in Dresden. Auch später widmete er sich immer wieder
dieser Motivwelt: 1921 war die Tänzerin Nina Hard bei ihm in Davos zu Besuch,
1926 begegnete er der berühmten Ausdruckstänzerin Mary Wigman und 1927 besuchte
er den Auftritt von Gret Palucca im Davoser Hotel ”Curhaus”. All diese
Eindrücke des modernen Ausdruckstanzes, der in den 20er Jahren seinen
internationalen Durchbruch erlebte, mögen in die kraftvolle, lebhaft bewegte
Formensprache der Figurenstudie eingeflossen sein.
(Andreas Gabelmann)