Werk: Karl Schmidt-Rottluff: "Herbst am Vietzker See", 1926
vorne in der Mitte signiert, datiert; rückseitig betitelt
Als Mitbegründer der Künstlergruppe ”Brücke” gehört Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) zu den bedeutendsten Hauptvertretern des deutschen Expressionismus. Nach Auflösung der Avantgardegemeinschaft 1913 blieb er seiner expressiven Form- und Farbsprache treu und entwickelte mit kraftvollem Ausdrucksverlangen
sein umfangreiches Werk bis ins hohe Alter. Wuchtige Formvereinfachungen und vehemente Farbsteigerungen prägen Schmidt-Rottluffs eigenständigen und unverwechselbaren
Stil. Neben der Ölmalerei stand zeitlebens die Beschäftigung mit der Aquarelltechnik als wichtiges Ausdrucksmedium im Zentrum seines künstlerischen Schaffens und bestimmte auch in den 1920er Jahren das Wirken des Malers.
Landschaften und Stillleben dominieren dabei Schmidt-Rottluffs Bildwelt. Die vorliegende Darstellung von 1926 zeigt den Blick auf die stille Landschaftskulisse des Vietzker Sees (heute Jezioro Wicko in Polen), einer abgelegenen Naturregion an der Ostseeküste in Hinterpommern. Das Blatt gehört in die Serie der Arbeiter- und Handwerkerbilder, die Schmidt-Rottluffs Werk während der 20er Jahre besonders kennzeichnen. In dem kleinen Ort Jershöft, wo der Künstler von 1920 bis 1931 regelmäßige Sommeraufenthalte verbrachte, galt sein gesteigertes Interesse dem Lebens- und Arbeitsalltag der ländlich-bäuerlichen Bevölkerung. In zahlreichen Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Druckgrafiken bannte er die Tätigkeiten der
Fischer, Bauern und Handwerker mit einer farbintensiv rhythmisierten Flächenmalerei
auf Leinwand und Papier. Betonte schwarze Konturierungen, die nach dem Trocknungsprozess mit dem Tuschpinsel aufgetragen sind, umschließen die lebhaften Farbzonen und binden Figuren, Tiere und Landschaft an die Fläche. Schmidt-Rottluffs derb-expressive, auf das Wesentliche konzentrierte Bildsprache korrespondiert dabei mit dem einfachen Sujet der beobachteten Szene; intendiert ist das Aufzeigen einer harmonischen Einheit des in und mit der Natur lebenden Menschen. Dem Bestellen der Felder und dem Umgang mit den Tieren wohnt eine gewisse Archaik inne, die Schmidt-Rottluffs Ausdrucksweise ins Zeitlose und Allgemeingültige verdichtet. Die in dem eindrucksvollen Aquarell deutlich werdende zeichenhafte Komprimierung der Formen ist
charakteristisch für Schmidt-Rottluffs Stilwandel ab Mitte der 20er Jahre, der immer stärker zu einer abstrahierenden Stilisierung des Gesehenen strebte.
(Andreas Gabelmann)