Werk: Ernst Ludwig Kirchner: "Hirte mit Schaf", 1935
Preis: 35.000,00 EUR
rückseitig Nachlassstempel
Vier
Jahre vor seinem Freitod 1938 beendete Kirchner seine ab Mitte der 1920er Jahre
begonnene abstrakte Werkphase und widmete sich wiederum einer stärker
naturalistisch geprägten Darstellungsform. Die vormals spielerisch fließenden
Linien gestalteten sich zunehmend statisch und streng. Möglicherweise muss man
diese Rückbesinnung auf Vorheriges auch mit der veränderten politischen
Situation in Deutschland nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten
in Verbindung sehen. Die Aufforderung, auf seine Mitgliedschaft an der
Preußischen Akademie, die ihm erst zwei Jahre zuvor angetragen worden war, zu
verzichten, verdeutlichte Kirchner den Umschwung und die ungewisse Zukunft der
deutschen Kunstszene auf eklatante Weise. Mit der Entlassung von Ernst Gosebruch
als Direktor des Folkwang Museums in Essen 1934, wurde zudem auch die Planung
für die groß angelegte und seit 1927 in Planung befindliche Wandgestaltung des
Festsaales des Museums obsolet. Eine nicht nur künstlerisch schwere Einbuße. Ab
Juni 1937 galt Kirchners Werk in Deutschland als "entartet". In der
Folge der Schmähausstellung "Entartete Kunst" im gleichen Jahr in
München wurden 639 Werke Kirchners aus deutschen Museen entfernt. Zum Großteil
wurden diese zerstört oder teilweise für Devisen ins Ausland verkauft. Kirchner
sah sein künstlerisches Werk, sein Wirken, sein Lebensziel, als Künstler in
Deutschland anerkannt zu werden, zerstört. Nachdem die Nationalsozialisten 1938
auch Österreich eingenommen hatten, verstärkte sich zudem Kirchners Angst, die Deutschen
könnten über die österreichische Grenze auch in Graubünden einmarschieren.
Kirchner zerstörte zahlreiche Druckstöcke und einige Skulpturen in seinem Haus
in Frauenkirch. Die im Mai 1938 beantragte Eheschließung mit seiner
langjährigen Lebensgefährtin Erna Schilling zieht er am 12. Juni wieder zurück.
Kirchner erschießt sich am 15. Juni 1938 und wird auf dem Waldfriedhof in Davos
in unmittelbarer Umgebung seines letzten Wohnortes beerdigt.
(Andrea Fink-Belgin)