Werk: Ernst Ludwig Kirchner: "Abtreibung der Kühe", 1922
Preis: 24.000,00 EUR
rückseitig Nachlassstempel
War
Ernst Ludwig Kirchner in Berlin, wo er ab 1911 gelebt hatte, "Maler der Großstadt", so entwickelte er sich nach seiner Übersiedlung nach Davos zu einem "Maler der Berge". Das
Werk "Abtreibende Kühe" ist von starker Beruhigung in Ausdruck und
Komposition geprägt, eine allgemeine Tendenz, die bereits in den Werken um 1921
einsetzte und sich um 1922 noch verstärkte. Sicherlich ist dies auch ein
Resultat von Kirchners langsamer physischer wie psychischer Genesung, die die
Absetzung von Medikamenten sowie Morphium möglich gemacht hatte. Kirchner wurde
in Davos von der Ärztefamilie Spengler betreut, deren Tochter Lotte Spengler die
Ehefrau von Eberhard Grisebach war. Grisebach war es, der Kirchner 1917 geraten
hatte, nach Davos zu gehen, um sich dort von seiner Drogen- und
Medikamentenabhängigkeit zu erholen, in die er aus Angst, als Soldat im
Weltkrieg zu fallen, geflohen war. Die
Bergwelt und das Leben der einfachen Bauern faszinierten Kirchner so, dass er
unter seinem kunstschriftstellerischen Pseudonym Louis de Marsalle, welches er
von 1920 bis 1933 nutzte, die Wichtigkeit der Übersiedlung nach Davos für sein
Werk folgendermaßen beschrieb: "Die karge und doch so intime Natur des Hochgebirges hat einen grossen Einfluss auf den Maler gehabt. Sie hat seine Liebe zu den Gegenständen vertieft und zugleich seine Konzeption von allem
Nebensächlichen gereinigt. Nichts Unnötiges erscheint auf den Bildern, aber wie
zärtlich ist jedes Detail ausgearbeitet! Stark und nackt tritt in der fertigen
Arbeit der schöpferische Gedanke hervor. Kirchner steckt heute so stark in ganz
neuen Problemen, daß man ihn mit den alten Maßstäben nicht messen kann, wenn
man seiner Arbeit gerecht werden will. Die, die ihn nach seinen deutschen
Bildern einordnen wollen, werden enttäuscht sein, sie werden an ihm noch
Überraschungen erleben."
Die vorliegende Radierung zeigt, wie die Kühe, die während der Sommermonate auf der Alp leben, am Abend von den höher gelegenen Wiesen, die sie tagsüber beweiden, wieder zu den an der Baumgrenze gelegenen Alphütten hinab getrieben werden. Das Jahr 1922 ist noch stark geprägt von realen Naturbeobachtungen. Erst ab 1923
treten literarische und ideale Szenen wieder stärker in den Vordergrund von
Kirchners Schaffen.
(Zu diesen Bezeichnungen siehe: Wolfgang Henze, Maler der Großstadt - Maler der Bergwelt, in: Rudy Chiappini (Hg.), Ernst Ludwig Kirchner, Ausst. Kata. Museo
d'Arte Moderna Città di Lugano, Mailand 2000, S. 111-141, hier: S. 130.
Ernst
Ludwig Kirchner unter dem Synonym Louis de Marsalle im Vorwort des Kataloges
"Schweizer Arbeiten von E. L. Kirchner" bei Ludwig Schames in Frankfurt am Main 1922. Hier zitiert nach: Magdalena M. Moeller, Von Dresden
nach Davos - Ernst Ludwig Kirchner - Zeichnungen. Die Sammlung des Brücke-Museums Berlin, München 2004, S. 227.)
(Andrea Fink-Belgin)