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Werk: Ernst Barlach: "Der Flüchtling", 1920

Ernst Barlach: "Der Flüchtling", 1920
  
signiert, Gießerstempel "H. NOACK, Berlin"
Guss nach 1939, Auflage 20 Exemplare
Werkverzeichnis Laur 294
   
- als Leihgabe außer Haus im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr -
  
Bereits gut dreißig Jahre vor der Verabschiedung der sogenannten „Genfer Flüchtlingskonvention” gestaltet Barlach den Typus eines Menschen, der die wesentlichen Merkmale dieser Übereinkunft ohne Worte vorwegnimmt. Nach ihr gilt als „Flüchtling, wer […] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung [...] sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder der sich als staatenlos infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem er seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder [...] will.” Bereits ein rascher Blick auf die Bronze veranschaulicht auch ohne die Kenntnis des Werktitels das dargestellte Motiv: auf einer langschmalen Bodenfläche, deren Anschrägung für die Mühen des vor ihm liegenden Fluchtweges steht, ist eine massige männliche Figur sichtlich in heftiger Bewegung; die markanten Gewandfalten verstärken den entschlossen wirkenden Ausfallschritt genau wie der stark vorgereckte Oberkörper, der keilförmig über die Basis hinausragt. Eine ‘begründete Furcht’ führt ihn zu seiner vital vorwärtsdrängenden Aktion. Typisch für Barlach sind plastische Ausformungen schwerer Massen, die nur selten durchbrochen werden, so verzichtet der Bildhauer auch hier auf einen Durchblick, der zwischen Gewandunterkante und Plinthe möglich wäre, um den reinen Vorgang als solchen zu betonen. Stark akzentuierte Haarsträhnen assoziieren Gegenwind, mit dem der Emigrant zusätzlich zur Last des Weges umgehen muss. Auffällig, also kaum zufällig, ist die Kopfhaltung des Mannes aufwärts und strikt nach vorn gerichtet: obwohl unentschieden bleibt, ob seine Flucht gelingen wird, ob sein Ausweg auf ein gewünschtes Ziel hinausläuft, ist hier kein Zweifler unterwegs. Er hält das Wenige, was ihm mitzunehmen möglich war, mit beiden Händen fest und kümmert sich trotz seiner sicherlich vorhandenen seelischen Not in stoischer Haltung um ein rasches Fortkommen. Gerade das nicht mit Details ausgestattete ‘Bündel’ gibt mehreren Denkrichtungen Raum: neben einer durch politische Ereignisse provozierten Flucht kann es sich auch um ein durch persönliche Schieflage motiviertes überstürztes Weggehen handeln, ein entschlossenes Bemühen um radikale Veränderung, auch wenn die zusammengegürtete Vergangenheit Teil der unfreiwilligen Reise ist und bleibt. Barlach wird im Oktober 1932 formulieren: „Zum Werden verhilft einzig bereit sein – in ehrlicher Unerschrockenheit [...].(1)
(Horst Otto Müller)

 (1) Brief an Wolf Dieter Zimmermann. Güstrow, 18. Oktober 1932


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