Ernst Barlach - Kopfstudie, 1922

Bronze

6 x 6 x 6 cm
2 x 2 x 2 inch

signiert am Hals rechts "EBarlach"
Gießerstempel am Hals links  "H.  NOACK BERLIN"

N 9438

Über das Werk

Barlach gilt als der wichtigste deutsche Bildhauer des Expressionismus, und dennoch weisen seine Figuren keine deutlichen Gefühlsregungen im Sinne von extrovertierten Physiognomien auf. Die Ausdrucksstärke seiner Portraits rührt vielmehr aus einer distanzierten, in sich gekehrten Haltung. Gerade durch die Darstellung dieser Introspektion erlangen die Figuren ihre unvergleichliche Ausdruckskraft. Die "Kopfstudie" dieser jungen Frau mit zurückgesteckten Haaren weist eine große Innerlichkeit auf. Ist das Gesicht rein äußerlich eher schlicht, so drückt doch gerade diese Einfachheit eine umso größer und unergründlicher erscheinende Seelentiefe aus. Die Reduzierung im Gestus verleiht der Darstellung eine tiefe Ruhe, die aber nichts Lethargisches beinhaltet oder gar fatalistisch wirkt. Sie vermittelt den Ausdruck innerer Einkehr. Der Geist hat sich vollkommen von den Belanglosigkeiten des Alltäglichen abgewendet, um in die Erfahrung des übergeordneten Ganzen einzutauchen.Laut Werkverzeichnis steht diese „Kopfstudie“
Barlachs „Frau mit den untergeschlagenen Armen“ (WVZ 341) nahe, die eine junge Frau mit vor der Brust verschränkten Armen zeigt. Diese Haltung wird als eine Schutz- oder Distanzierungshaltung wahrgenommen, was den Abstand der Dargestellten zu ihrem Umfeld und ihre Zurückgezogenheit, die auch in der „Kopfstudie“ ersichtlich ist, noch unterstreicht.
In einem Brief aus dem Archiv des Ernst Barlach Hauses in Hamburg, den der Künstler Anfang 1924 an den Lübecker Literaturwissenschaftler Fritz Endres schickte, offenbart er seine Gedanken zur Kunst, die auch für die „Kopfstudie“ gelten dürften: „Ich darf vielleicht sagen, dass mein immer gleiches Motiv die Gottmenschlichkeit ist, deutlicher: die immer erneute Festlegung der Situation des Menschen, als Prozess zwischen Himmel und Erde, eine Mischung aus Verzweiflung und Getrostheit. (...) Ich empfinde ganz tief und aufrichtig, dass Kunst von ewigen Dingen in einer übervernünftigen, überlogischen Sprache spricht, wenn eben Kunst und nichts als Kunst vorliegt.“
(zitiert nach: Karsten Müller erklärt die „Weinende Frau“ von Ernst Barlach, Hamburger Abendblatt vom 24.11.2015)

Text verfasst und bereitgestellt von Dr. Andrea Fink, Kunsthistorikerin

Die Kunsthistorikerin, Kuratorin und freie Publizistin Andrea Fink hat in Bochum und Wien Kunstgeschichte, Kultur- und Geisteswissenschaften, Neuere Geschichte und Philosophie studiert. 2007 folgte die Promotion zum Werk des schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay. Als freie Kuratorin und Kunstberaterin zählen zu ihren Auftraggebern u.a. Kunstverein Ahlen, Kunstverein Soest, Wella Museum, Museum am Ostwall Dortmund, ThyssenKrupp AG, Kulturstiftung Ruhr, Osthaus Museum Hagen, Franz Haniel GmbH, Kunsthalle Krems, Österreich.

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Ernst Barlach, Kopfstudie, 1922, 6 x 6 x 6 cm, N 9438
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